Verfasst von: agentur.e | Juli 20, 2008

OSLO: Abends im Eisberg

Eine riesige weiße Scholle kippt da vom Ufer aus ins Wasser hinab, aus den abfallenden Flächen werden unten eine gläserne Eingangsfront, oben eine eckige gläserne Kanzel und zwei massive Kuben geschnitten – die Oberbühnen der beiden Opernsäle. Ist das wirklich die Oper? Ist das nicht eher ein Kongresszentrum? „Wir wollten hier ein neues Territorium schaffen“, sagt Tarald Lundevall vom Architekturbüro Snøhetta. Warum er es mit leuchtend weißem Carrara-Marmor überzogen hat, erklärt er so: „Es sollte, in dieser Umgebung, so anders aussehen wie möglich.“

Neue Oper in Oslo

Wenn demnächst die Schnellstraßen in Tunneln unter der Bucht verschwunden sind, soll die Opern-Scholle lebenspendender Zellkern für ein schönes neues Wohn- und City-Viertel werden. Eigentlich ist sie das bereits – durch einen genialen Trick der Snøhetta-Entwerfer: Sie machten das Dach zur eigentlichen Bühne, seine Schrägen sind allesamt öffentlich begehbar. Eine Piazza am Wasser, mit Ausblick auf die Stadt und mächtigen Fähren auf Augenhöhe, schon jetzt wirklich populär. Wer die Marmor-„Rampen“ betritt, stellt freilich schnell fest, dass sie keineswegs eben sind, sondern dass er sich in rauem Gelände bewegt – mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Ein Team von Architekten und Künstlern – darunter der Bildhauer Kristian Blystad – hat die Oberfläche höchst listig strukturiert. In die 35 000 Marmorblöcke, Stück für Stück entworfen und in Carrara geschnitten, sind Irritationen mit eingeplant: Klüfte, Stufen, Kerben, Grate, Sprünge. Wer nicht stolpern will, muss hingucken, muss achtsam seine Schritte tun – wie auf naturgegebenen arktischen Schollen.

Die eigenwillige Gestalt des Baus lässt viele Assoziationen zu – je nach Standort und Vorstellungskraft. Am gängigsten ist das Bild von der Oper als schmelzendem Eisberg. Vom Kai gegenüber oder vom Fjord aus gesehen, wirken die schiefen weißen Freiflächen, belebt mit Scharen von Spaziergängern, eher wie der verschneite „Idiotenhügel“ einer Skischule. Und im Profil, von der hinteren Wasserseite betrachtet, offenbart der Neubau mit seiner schnittigen Zickzack-Linienführung die Eleganz eines Luxus-Kreuzers. Was wirklich gemeint ist? Die Architekten lassen sich da nicht festlegen. Sie schätzen die Vielfalt solcher Vergleichsmöglichkeiten. „Wir machen eine narrative Architektur. Wir wollen, dass unsere Bauten den Leuten etwas erzählen – und dass die Leute was über unsere Bauten zu erzählen haben“, sagt Lundevall, einer der sechs Inhaber von Snøhetta und Projektleiter für die Oper vom ersten Entwurf ab.


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  1. [...] Washago Bay – Lake Scugog, ursprünglich hochgeladen von flickr [...]


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